Was ist Tantra?

“Es ist sehr wichtig, klar zwischen der Essenz des Tantra und den kulturellen Formen, in die es gegenwärtig verpackt ist, zu unterscheiden.”

Lama Yeshe

Tantra (was etymologisch “ein Instrument zur Ausdehnung” bedeutet) ist ein sehr weit gefasster Begriff. In der Tat geht das wesentliche Tantra über die verschiedenen tantrischen Traditionen hinaus. Als eine Reihe von Prinzipien kann es nicht nur die Denkschulen und Praktiken umfassen, die wir in südasiatischen Religionen wie Hinduismus, Buddhismus und Taoismus finden, und die explizit als “tantrisch” angesehen werden, sondern auch andere Philosophien und Doktrinen, die diese Prinzipien ausdrücken. Zum Beispiel können wir tantrische Prinzipien sogar in der Philosophie Platons identifizieren!

Das tantrische Prinzip wird von jedem praktiziert, der behauptet, dass alles, was im Universum existiert, inhärent und potenziell spirituell ist. Anstatt das materielle Universum zu transzendieren, können wir es daher als Sprungbrett für die Transzendenz nutzen, indem wir all seine verschiedenen grundlegenden Komponenten wie Körper, Sinne, Vergnügen, Verlangen, Schönheit, Emotionen, grob- und feinstoffliche Nervensysteme und so weiter verwenden.

Shai behauptet, dass das essentielle Tantra die Spiritualität des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist, weil es das einzige System ist, das Materie und Geist effektiv miteinander verbindet. Die alte Idee, die Welt abzulehnen oder nur den reinen Geist in Trennung von der materiellen Welt zu bejahen, kann für unseren modernen Geist keinen Sinn mehr ergeben. In unserem Zeitalter sollten wir diese dualistische Sichtweise zu einem Ende bringen. Tantra arbeitet direkt mit materiellen Energien, bejaht das physische Universum als wesentlich spirituell und lehnt daher die Welt nicht ab, sondern umarmt sie.

Tantra resoniert ganz natürlich mit unserer modernen Mentalität. Das Konzept der Energieumwandlung passt gut zu unserem wissenschaftlich orientierten Verstand, und die mächtigen Energien des Verlangens und des Willens, die in der modernen Welt so weit verbreitet sind, sind ein großartiges Brennmaterial für Tantra, da es das Verlangen nicht fürchtet oder unterdrückt, sondern es als den Treibstoff nutzt, der uns zu unserer höchsten Selbstverwirklichung antreibt. Die furchtlose Fähigkeit, so effektiv mit explosiven und hochpotenten Materialien wie dem Verlangen und dem Willen zu arbeiten, macht den spirituellen tantrischen Weg viel schneller; unser ergebnisorientierter moderner Verstand kann so leichter zufriedengestellt werden. Außerdem können wir die Schuld- und Schamgefühle, die durch religiöse Konzepte hervorgerufen werden und die uns dazu veranlassen, unsere Menschlichkeit und unsere niederen Erfahrungen und Energien zu verleugnen und einzuschränken, nicht mehr akzeptieren. Heutzutage spüren wir zu Recht, dass alle diese Energien in unseren Weg einbezogen werden sollten.

Mit anderen Worten: Tantra ist die einzige Spiritualität, die Ost und West, Alt und Modern wirklich vereint, indem sie das materielle Universum und unsere einfachsten menschlichen Energien mit einbezieht. Was wir gerade in diesem Moment in uns finden – Körper, Sinne, Leidenschaften, Wünsche – ist unser natürlicher und offensichtlicher Ausgangspunkt.

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Die zehn zentralen Prinzipien des Tantra

1. Alle Energien, die wir in uns und außerhalb von uns finden, sind von Natur aus spirituell

Da Materie im Wesentlichen Geist ist, ist jede Energie im Universum – einschließlich unserer so genannten niederen Triebe oder schlammigen Emotionen – von Natur aus spirituell. Daher müssen wir keine Energie fürchten oder unterdrücken, solange wir wissen, wie wir sie nutzen können. Nichts sollte abgelehnt oder aufgegeben werden, und alles kann transformiert werden.

2. Alle Energien in uns und außerhalb von uns können transformiert werden

Da alle Energien von Natur aus spirituell sind, sind sie auch potentiell transformierbar. Daher ist das eigentliche Prinzip der Transformation – die Veränderung der Form von etwas in eine andere Form – tantrisch. Tantra strebt danach, jede Erfahrung, egal wie “unheilig” sie erscheinen mag, zu transformieren und in den Pfad der Erfüllung einzubinden. An den äußersten Rändern jeder Energie findet man das größte Licht. Während andere Systeme dafür plädieren, entweder niedere Energien aufzugeben oder sie zu transzendieren, transformieren wir im Tantra immer bestehende Energien. Alle unsere Energien, grob und feinstofflich, werden genutzt, um die größte aller Transformationen zu erreichen.

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3. Verlangen ist eine kraftvolle, positive und nützliche Energie

Die grundlegende Energie, die wir nutzen, besteht aus Verlangen und Bedürfnisse; dies sind Formen positiver Energie, die gelenkt und genutzt werden sollten. Das Verlangen, das die Energie hinter allen menschlichen Aktivitäten und der Baustein des menschlichen Lebens ist, soll nicht eliminiert oder neutralisiert werden, sondern zur Transzendenz umgelenkt werden. Natürlich kann das Verlangen ohne das richtige tantrische Wissen die Quelle unseres Leidens sein, wie der Buddha in seiner Hauptlehre zeigte. Aber Tantra sagt uns, dass, so lange wir die Energie des Begehrens nicht nutzen, unsere spirituelle Praxis begrenzt bleibt.

Anstatt also das Verlangen zu meiden, begreifen wir die kraftvolle Energie, die durch unser Verlangen geweckt wird, als eine unverzichtbare Quelle für unseren spirituellen Weg. So wie einige Kräuterkundige giftige Pflanzen in kraftvolle Medizin verwandeln können, können wir die Energie des Verlangens und sogar des Ärgers zu unserem Vorteil nutzen. Dieselbe begehrende Energie, die uns normalerweise von einer unbefriedigenden Situation zur nächsten treibt, wird durch ,,Alchemie” in eine transzendentale Erfahrung von Glückseligkeit und Weisheit umgewandelt. Wir machen die Energie des Begehrens so auf eine Art nutzbar, die uns hilft, die eigentliche Ursache unserer Unzufriedenheit zu zerstören: Unsere grundlegende Unwissenheit über die Natur der Realität. Im Tantra dehnt die Erfahrung der Glückseligkeit, die aus dem Begehren entsteht, den Geist aus, so dass wir alle unsere Begrenzungen überwinden und reine und expansive geistige Klarheit erreichen.

Obwohl Tantra definitiv nicht das ist, was im Westen im engeren Sinne als Methode der sexuellen Transformation akzeptiert wurde, beinhaltet diese ,,Alchemie” neben anderen Aspekten die Transformation von sexuellem Begehren in unendliche sexuelle Energie.

4. Vergnügen verwandelt sich in Glückseligkeit

Im Tantra ist die Erfahrung von Erleuchtung nicht neutral oder gleichgültig, sondern der ultimative Zustand der Lust. Wir ersetzen niederes Vergnügen durch höheres Vergnügen, indem wir unsere ,,Begehrensenergie” geschickt zum Einsatz bringen. Dies passiert, indem wir in die Erfahrung von wahrem Vergnügen eintauchen und diese dann in die Richtung der immerwährender Glückseligkeit und Freude der vollen Erleuchtung lenken. Unsere Erfahrung des gewöhnlichen Vergnügens kann als Ressource genutzt werden, um die höchst genussvolle Erfahrung der Totalität zu erlangen: die Erleuchtung.

Im Gegensatz zu vielen religiösen Ansätzen lehnt Tantra die genussvollen Teile des Lebens nicht ab und unterdrückt oder verleugnet niemals die menschliche Natur. Es hat nichts mit dem religiösen Tabu von Schuld und Scham zu tun, welches Gläubige dazu bringt, sich unwohl zu fühlen, wann immer sie auch nur ein kleines Maß an Vergnügen erfahren. Mit dem Verständnis, dass Entsagung nur eine andere Form der Anhaftung ist, ermutigt uns Tantra, uns ohne Anhaftung oder Schuldgefühle wahrhaft und vollständig glücklich zu fühlen. Es besagt, dass es für den Menschen viel effektiver ist, sich selbst zu genießen und die Energie seiner Freuden in einen schnellen und kraftvollen Pfad zur Erleuchtung zu lenken.

Als menschliche Wesen haben wir die Fähigkeit, grenzenloses glückseliges Vergnügen zu genießen und gleichzeitig frei von Verblendungen zu bleiben. Falsch ist nur die verwirrte Art und Weise, in der wir nach Vergnügungen greifen und diese so zu einer Quelle der Unzufriedenheit machen. Ohne das Greifen und Klammern, ohne zwanghaftes Suchen, könnten wir uns so viel vergnügen, wie wir wollen. Wenn überhaupt, dann ist das Problem, dass unser Vergnügen zu klein ist, zu minimal! Im Tantra geht es also nicht nur darum, gewöhnliche lustvolle Erfahrungen auszunutzen. Es zeigt uns auch, wie wir eine tiefere, intensivere und befriedigendere Erfahrung von Glückseligkeit aktivieren können, als sie normalerweise durch unsere physischen Sinne verfügbar ist.

Dies kann jedoch unreife Gemüter verwirren, die vielleicht glauben, dass Tantra ein Weg ist, unseren unkontrollierten Begierden zu frönen. Das ist nicht so: Tantra ist ein Weg, das Verlangen so zu nutzen und zu verstehen, dass wir verhindern können, dass es zu Unzufriedenheit wird. Wir vereinen das Vergnügen mit Licht, Glückseligkeit und Weisheit.

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5. In der Transzendenz lässt man nicht nur zurück, sondern schließt auch ein

Im Tantra bedeutet Transzendenz auch Einbindung. Energien eines niederen Zustands – wie das Ego oder die Sexualität – verschwinden nicht, sondern werden entweder verfeinert, nehmen eine andere Form an oder finden ihren Platz in einem anderen Kontext eines größeren Ganzen. In allen Fällen wird also nichts zerstört.

6. Erleuchtung findet nicht statt, indem man über die Form hinausgeht, sondern durch die Form hindurch

Anstatt die Form zu leugnen, vertritt das Tantra die Ansicht, dass die Form ein Ausdruck der Realität sein kann, und dass daher die intensive Meditation über bestimmte Formen uns zur Transzendenz führen kann. Aus diesem Grund verwendet das Tantra eine Vielzahl von Symbolen und Visualisierungen, um uns an unsere essentielle formlose Natur zu erinnern.

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7. Der Körper ist ein Tor

Der Körper, als unsere unmittelbarste Form, ist essentiell und potentiell spirituell, und er enthält spirituelle Strukturen und Energien. Jeder von uns besitzt zwei Körper, den physischen und den feinstofflichen, und beide sind für die Transformation spirituell bedeutsam. Wobei die Aktivierung des feinstofflichen Körpers, der Kanäle, Chakren und Kundalini enthält, der schnellste Weg zur Erleuchtung ist.

8. Das Ziel der Transformation ist die Vermählung aller Gegensätze

Im Tantra wollen alle Paare von Gegensätzen und Extremen – Leere und Form, Glückseligkeit und Leere, männlich und weiblich, oben und unten – ineinander übergehen und eins werden. Es handelt sich in der Tat nicht um Gegensätze, sondern um komplementäre Hälften, zwei Gesichter derselben Realität. Alle Konzepte und mentalen Trennungen werden vermischt, bis sie zu einer größeren Einheit verschmelzen.

Genau wie in der physischen Welt werden scheinbar gegensätzliche Energien voneinander angezogen, lieben sich, heiraten und gebären schließlich ein neues Wesen, das die Summe der beiden Komponenten ist, aber auch darüber hinausgeht. Diese Bildsprache ist im Tantra bedeutungsvoll, da die scheinbare Welt als eine Reihe von Symbolen wahrgenommen wird, die eine Reflexion und Erweiterung der inneren Phänomene darstellen.

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9. Eine Vermählung von Weiblichem und Männlichem sollte in uns stattfinden

Von allen Gegensatzpaaren ist das männliche und das weibliche das bedeutendste. Da jeder von uns eine Vereinigung aller universellen Energien ist, gibt es in jedem von uns eine unbegrenzte Quelle sowohl männlicher als auch weiblicher Energien. Wir möchten uns diese Energien aneignen, wenn sie außerhalb von uns erscheinen, nur weil wir das Gefühl haben, dass wir diese Qualitäten vermissen. In unserer tieferen Wirklichkeit sind wir vollständig, und die Vervollständigung findet in der inneren Ehe statt. Tantra lehrt uns diese essentielle Ganzheit.

10. Es ist wichtig, sich selbst nicht als ein begrenztes Wesen wahrzunehmen, sondern bereits als Gott oder Göttin

Wenn wir uns auf den spirituellen Weg begeben, haben wir normalerweise die Identität eines Suchenden; ein einfacher Mensch, der sich nach Göttlichkeit oder Transzendenz sehnt. Im Tantra, das ein schnellerer Weg ist, beginnen wir vom Ende her: Wir visualisieren uns selbst in der Form eines vollständig erleuchteten Buddhas; als wären wir bereits Götter und Göttinnen. Auf diese Weise gibt es kein Warten, und die Zukunft ist jetzt.

Das Tantra zeigt uns, dass wir an einer sehr begrenzten und einschränkenden Sichtweise dessen festhalten, wer wir sind und was wir werden können. Das Ergebnis dieser Sichtweise ist, dass unser Selbstbild bedrückend niedrig und negativ bleibt, und wir uns ziemlich unzulänglich und hoffnungslos fühlen. Tantra fordert diese unangemessen niedrige Meinung über das menschliche Potenzial heraus, indem es uns zeigt, wie wir uns selbst und alle anderen als transzendent schön betrachten können – als nicht weniger als Götter und Göttinnen.

Auf diese Weise lösen wir die gewöhnlichen Vorstellungen von uns selbst auf, und dann erheben wir uns aus dem leeren Raum, in den wir diese Vorstellungen aufgelöst haben, in dem glorreichen, lichten Körper einer Gottheit. Je mehr wir uns darin üben, uns selbst als eine solche Gottheit zu sehen, desto weniger fühlen wir uns durch die gewöhnlichen Enttäuschungen und Frustrationen des Lebens gebunden. Darüber hinaus befähigt uns diese göttliche Selbst-Visualisierung, für uns eine reine Umgebung zu schaffen, in der unsere tiefste Natur zum Ausdruck kommen kann.

Wenn wir uns selbst als grundlegend rein, stark und fähig identifizieren, werden wir diese Qualitäten tatsächlich entwickeln. Wenn wir uns aber weiterhin als dumpf und töricht betrachten, werden wir genau das werden. Wir haben bereits jetzt, in diesem Moment, die tiefgründigen Qualitäten einer solchen göttlichen Manifestation in uns. Durch diese Praxis können wir diese Qualitäten besser erkennen und kultivieren, statt in den begrenzenden Projektionen einer selbstmitleidigen Haltung gefangen zu bleiben. Das Bild, zerbrochen und beschädigt zu sein, wird aufgelöst und durch ein Bild von Strahlkraft und Vitalität ersetzt. Das ist der Grund, warum Tantra eine so schnelle und kraftvolle Methode ist, um die Erfüllung unseres enormen Potentials zu erreichen: Wir fangen von oben an, und alles, was übrig bleibt, ist die Lücke zu schließen.

Es ist üblich, dass Menschen, die einen religiösen Weg einschlagen, das Gefühl haben, dass es eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen selbst, hier unten im “Schlamm”, und einem höheren Wesen, irgendwo weit oben im Himmel, gibt. Obwohl wir alle eine grundlegend reine Natur haben, ist es nicht einfach, mit ihr in Kontakt zu kommen. Mit einem umfassenden Verständnis von Tantra bringen wir die inneren göttlichen Qualitäten an die Oberfläche, die in der Tiefe unseres Wesens schon immer existiert haben. Dies ist die weise Lösung des Tantra für das Problem der Selbstakzeptanz!

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