Was ist Transformation?

Der Begriff “Transformation” ist in unserer heutigen spirituellen Welt in aller Munde. Das Problem mit Begriffen, die jeder so ausgiebig und leichtfertig verwendet, ist, dass wir nicht mehr innehalten, um darüber nachzudenken, was sie wirklich bedeuten. Was bedeutet es, sich spirituell, emotional, geistig oder energetisch zu transformieren?

Im Allgemeinen würden wir sagen, dass Transformation eine tiefgreifende Veränderung ist, die in uns stattfindet, in dem Maße, dass wir nicht mehr unser vorheriges oder altes Selbst sind. Das ist richtig, aber das sagt uns nicht viel über den eigentlichen Prozess der Transformation. Etymologisch gesehen bedeutet Trans-formation “jenseits der Form” oder “die Form verändern”. Das impliziert, dass wir im Akt der Transformation die gegenwärtige Form von etwas in eine andere Form verändern. Diese Erklärung bringt uns ein wenig näher an den eigentlichen Prozess.

Transformation oder Transzendenz?

Wir können generell – und grob – die Bandbreite der Ansätze zur Selbstentwicklung in zwei Hauptkategorien einteilen: Transformation und Transzendenz. Wie wir gerade erklärt haben, verändern wir bei der Transformation die Form von etwas in uns, vielleicht sogar die Form unseres gesamten Seins. In der Transzendenz gehen wir einfach “darüber hinaus”. Wir entfernen oder lösen das störende und einschränkende Element auf, wir lösen uns ganz von ihm, oder wir machen einen Sprung auf eine höhere Ebene der Realität, wo dieses Element uns nicht mehr irritieren oder beeinflussen kann.

Es gibt viele Meditationssysteme, wie z.B. Vipassana, die die Methode der Transzendenz anwenden – oder zumindest glauben, dass sie das tun (ich werde diesen Punkt später erklären). Sie praktizieren eine losgelöste, nicht-reaktive Beobachtung von Körperempfindungen und natürlich auch von vorübergehenden Gedanken und Emotionen. Jedes System, das bestimmte deiner essentiellen Elemente als Phänomene behandelt, die entweder vergehen oder aufgelöst werden sollten, ist ein auf Transzendenz basierender Ansatz. Diese Systeme glauben nicht, dass Hass oder rohe sexuelle Energie oder Anhaftung etwas Spirituelles in sich haben. Diese Energien werden als Hindernisse betrachtet: die faulen Früchte, die am Baum der Unwissenheit wachsen.

Transformation hingegen ist ein tantrisches Prinzip. Tatsächlich sind Tantra und Transformation so untrennbar miteinander verbunden, dass du, wenn du vollständig begriffen hast, was Transformation bedeutet, auch Tantra verstanden hast. Das bedeutet jedoch nicht, dass du Transformation nur in traditionellen tantrischen Systemen finden kannst. Wenn du die Fähigkeit entwickelst, die Essenz der Transformation zu erkennen, wirst du sie sogar in den Philosophien von Sokrates und Plato, Nietzsche und Albert Camus finden; und bei Mystikern, wie Yogananda und Jiddu Krishnamurti.

Die tiefe Erkenntnis hinter Transformation  

Transformation ist nicht nur die Technik oder das “Wie” der inneren Alchemie. Es steckt eine bedeutende Philosophie dahinter. In ihrem Herzen liegt das tiefe Prinzip, dass alle Materialien, Kräfte und Energien im Universum bereits von Natur aus spirituell sind – unabhängig von ihrer gegenwärtigen Manifestation, die extrem irreführend sein kann. Einfach ausgedrückt: Wenn du ein bestimmtes Element beobachtest und denkst: “Das kann nicht spirituell sein”, kann das nur bedeuten, dass du nicht tief genug geschaut hast.

Das “Wie” der Transformation leitet sich aus dieser einfachen – aber eindrucksvollen – Philosophie ab. Die Tatsache, dass alles von Natur aus spirituell ist, impliziert, dass alles auch potentiell spirituell ist. Es kann eine andere Form annehmen, basierend auf seiner vollständig erkannten wahren Natur. Wenn du also richtig mit diesem Material arbeitest, wird es dich zwangsläufig, früher oder später, zu großer Befreiung führen: hier erscheint das ‘Wie’ der Transformation.

Das ‘Wie’ der Transformation ist nicht wirklich mit der Alchemie zu vergleichen. Die Alchemie war der mittelalterliche Vorläufer der Chemie und sie beschäftigte sich mit der Umwandlung von Materie: insbesondere mit dem Versuch, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Die Transformation hingegen bezieht ihre Kraft aus der Überzeugung, dass nichts in diesem Universum ein unedles Metall ist. Du magst vermuten, dass es ein unedles Metall ist, aber es ist bereits von Natur aus Gold. Folglich solltest du den wissenden Teil in dir nähren, der in jedes Element hineinsehen kann. innerhalb oder außerhalb deines Wesens. und seine ursprüngliche, strahlende Natur erkennen. Ohne diese Überzeugung ist Transformation – die einzigartige Kunst der spirituellen Alchemie – nicht möglich.

Aus der Sicht der Transformation, oder des Tantra, ist Spiritualität also immer – per Definition – der Prozess der Transformation dessen, was ist: eine Mutation in den bestehenden Materialien deines Lebens herbeizuführen. Tantrische Spiritualität findet nicht auf einer anderen, transzendenten Ebene der Realität statt, die nichts mit dem, was ist, zu tun hat. Sie ist eine Offenbarung des Universums von innen heraus. Es ist ein ständiges Eindringen in das Herz des Kosmos.

Die wahre Bedeutung von „nach innen gehen“

In der Transformation wird die vertraute Anweisung, “nach innen zu gehen”, nicht als ein Weggehen von der Welt verstanden. In Wirklichkeit geht es darum, mutig in den Kern der Materialien deines Lebens vorzudringen. In der Transzendenz zielt man darauf ab, die Welt und all ihre Inhalte hinter sich zu lassen; aber im tantrischen Spirituellen ist man viel zu sehr damit beschäftigt, das Gold im Herzen der Dinge zu erkennen, so dass man ihnen niemals den Rücken kehren kann.

Wenn du mit Wut erfüllt bist, ist das ein positiver Zustand: eine Chance. Wut hat ein enormes Energiepotenzial. Sie hat eine große Rolle – dich zu deiner göttlichen Natur zu führen. Sie ist gerade jetzt irritierend und aufrührerisch, weil sie als Teil ihrer Rolle dich zum Handeln provozieren muss. Diese Wut ist inhärent und potenziell spirituell. Wenn du Techniken der Transformation anwendest, wird sie ihre wahre Natur offenbaren und ihre Form verändern: und wenn die Wut in dir ihre wahre Natur offenbart und ihre Form verändert, wirst du an deine wahre Natur erinnert und erfährst eine energetische und spirituelle Mutation.

Das gilt natürlich auch für alle anderen Energien und Kräfte: deine intensivsten Wünsche, Depressionen, Rachsucht. All diese Energien sind nicht die Gegensätze der “guten” Qualitäten. Das ist es, was uns die konventionellen Religionen fälschlicherweise glauben machen. All die guten Qualitäten sind in Wirklichkeit dein transformierter Ärger, dein transformiertes Verlangen, deine transformierte Depression und deine transformierte Rachsucht. Dies sind genau dieselben Materialien, die ihre Form durch die Überzeugung deines eigenen Geistes und die Technik der Transformation verändert haben. Mitgefühl ist einfach transformierte Wut, und Liebe ist transformierte Rachsucht. Die guten Qualitäten existieren nirgendwo anders und sind nicht von einer anderen Existenzebene entliehen. Sie sind deine eigenen Energien: nur, im Moment wohnen sie in dir in einem unbewussten und unverwirklichten Zustand.

Das ist der Grund, warum ich oben erwähnt habe, dass sogar die auf Transzendenz basierenden Ansätze in Wirklichkeit getarnte Systeme der Transformation sind. Sie sind sich einfach nicht der Tatsache bewusst, dass sie genau das gleiche tantrische Prinzip anwenden. Wenn du in Vipassana deine körperlichen Empfindungen beobachtest, verwandeln sie sich früher oder später und verschmelzen zu einem Meer von weiter, schwingender Präsenz. Dieser transformierte Zustand deiner substantiellen Körperlichkeit wird Bhanga genannt.

Selbst deine schlimmsten negativen Erinnerungen, die dein Herz und deinen Körper verletzt und traumatische Eindrücke hinterlassen haben, sind von Natur aus und potentiell transformativ. In der Tat enthalten die schlimmsten Erinnerungen die meiste Energie. Sie sind explosiv, weil in ihnen so viel Lebenskraft gefangen ist. Wenn du sie transformierst, ist es wie der Urknall, der unser sich immer weiter ausdehnendes Universum ausgelöst hat: Du explodierst von innen heraus und wirst zu einem unermesslichen Wesen. Deshalb ist Tantra die Grundlage für eine radikale Form der Therapie, da es furchtlos mit deinen dunkelsten Materialien arbeitet, um Erleuchtung zu erzeugen.

Die auf Transformation basierende Philosophie des Tantra ist das einzige System, das uns sagt, dass wir – genau so wie wir sind – bereits spirituelle Wesen sind. Wenn wir das sagen, bezieht sich Tantra nicht auf eine Natur, die uns völlig verborgen ist oder die abseits unserer oberflächlichen Existenz existiert. In diesem Sinne nimmt Tantra die Aussage, dass das Göttliche in jedem einzelnen von uns wohnt, sehr ernst. Diese Gewissheit bestärkt uns gegen die Angst vor jeder unserer Energien – und damit gegen die Unterdrückung einer von ihnen. Denn wo es Angst vor den eigenen inneren Kräften gibt, gibt es Unterdrückung. Wenn du keine Angst mehr vor dir selbst hast, hast du auch keine Angst mehr vor dem Leben, weil du weißt, dass, wohin du auch schaust – selbst wenn du Monster und Dämonen siehst – diese nur unverwirklichte Formen des Lichts sind.

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank! Das ist sehr klärend. Ich erlebe immer wieder, wie Therapeuten, die transpersonal arbeiten, eher wie die Religionen arbeiten. Also auch das Chakrenmodel ablehnen! Was ich nur schwer verstehe, die Transzendenz, so wie ich es verstehe, folgt der Transformation. Kann man das überhaupt voneinander trennen?

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