Der Schlüssel: Ein absolutes „Ja“ zum Leben

„Die Frage lautet: ‚Hast du dem Leben dein absolutes ‚Ja‘ gegeben?‘ und nicht ‚Hast du dich daran gewöhnt?‘ oder ‚Hast du es wohl oder übel akzeptiert?‘, sondern ‚Hast du diesem Leben dein Herz geschenkt?‘ “

Diese ganze Lehre über das Verschmelzen unseres unendlichen Bewusstseins mit unserer einfachsten, weltlichen Existenz kann nie erblühen, solange wir in uns noch ein gewisses Maß an bewusstem oder unbewusstem Widerstand gegen die menschliche Erfahrung, das Leben in einem Körper und der Welt als Ganzem, entgegenbringen.

Solche Widerstände deuten darauf hin, dass eine Hälfte unseres Wesens zurückgewiesen wird. Ein Zurückweisung, die uns immer weiter von einer Einsicht entfernt, die sich viele von uns herbeisehnen: Einem Sinn im Leben, der jenseits aller relativer und vorgestellter individueller Bedeutungen ist. Ein Sinn, der im Herzen des Lebens selbst zu finden ist.

Diese Art des Widerstandes lauert nicht nur in den Herzen spiritueller Menschen, die sich eine Rettung aus der Fessel des Körpers und der Welt in Form einer Erlösung des Geistes wünschen. Dieser Widerstand und diese Ablehnung zu Inkarnieren und die menschliche Erfahrung in ihrer Gänze anzunehmen – mit all Ihrer Schönheit und ihrem Kummer aber vor allem mit ihren zahllosen Begrenzungen und Hindernissen – ist die Grundursache sowohl des psychologischen als auch spirituellen Problems. Wir können diesen Widerstand in nahezu jedem Menschen finden, wenn wir ihm nur vorsichtig und achtsam genug auf den Grund seiner Konflikte folgen, egal ob spirituellen oder psychologischen Hintergrunds. Es ist ein fundamentaler Konflikt des Menschen, dass er seit dem Moment seiner Geburt nicht willens ist, die Gesetze des Planeten und des menschlichen Bauplans zu akzeptieren. Man wünscht sich, bewusst oder unbewusst, eine andere Welt und weist die ständige Reibung als der menschlichen Erfahrung innewohnende Natur, zurück. Man wünscht sich „Erholung“ und „Ruhestand“.

Dieses Begehren nach der „endgültigen Ruhe“ kann verschiedene Formen annehmen: Es könnte das Bild eines ständigen, ununterbrochenen Glücks sein oder eine religiöse bzw. spirituelle Erlösung oder auch ein Zustand der Inaktivität, die von herausfordernden und überstimulierenden Umständen vollkommen ungestört ist. Oft können wir beobachten, wie Individuen verzweifelt vorwärts stürzen aus einer unbegründeten Hoffnung „eines Tages“ einen Zustand zu erreichen, in dem keinerlei Reibung existieren kann. All dieses Hetzen würde schließlich von perfektem „Frieden“ und Ruhe abgelöst werden.

Natürlich wird solch ein in unserem Herzen nistender Widerstand mit der Sehnsucht nach einer anderen Welt unweigerlich den Nährboden für zahlreiche weitere Konflikte bereiten. Und all diese würden schließlich auf einen einzigen hinauslaufen: ein beharrlicher Disput mit dem Leben, wie es ist.

Nur in der Reibung zwischen den beiden Hälften unseres Wesens kann der Sinn des Lebens gefunden werden. Daher ist Reibung auch kein Fehler, den wir machen oder ein Missverständnis, das aufgelöst werden müsste. Wir sollten lernen, diese Reibung zu lieben damit sie uns ihre ganze herrliche Schönheit enthüllen kann.

Der Schock des menschlichen Lebens

Tief in uns finden wir alle diese grundlegende und instinktive Abwehr dagegen, ganz im Körper zu sein und der Erfahrung des Lebens vollkommen zuzustimmen, indem wir in der Welt präsent sind und dabei ihre Gesetze akzeptieren.

Dies zwingt uns dazu, einen fundamentalen Prozess im Bereich der Traumata zu beginnen. Und niemand kann sich davon ausnehmen. Während einige der Meinung sind, bestimmte „Traumata“ aus ihrer Vergangenheit mit sich zu tragen, müssen wir begreifen, dass unsere Beziehung zum Leben selbst traumatisiert ist.
Ein Trauma kann in uns entstehen, wenn ein bestimmtes Ereignis einen Eindruck in unserem Körper und unserer Psyche hinterlässt, der so intensiv ist, dass er uns dazu veranlasst, instinktiv auf ähnliche Ereignisse zu reagieren. Oder einfacher gesagt: Wir reagieren auf eine potentielle Gefahr, auch wenn sie gar nicht real existiert. Doch tief in uns existiert ein uranfängliches und essentielles Trauma, aus dem alle späteren Enttäuschungen und Ernüchterungen entspringen: Der Schock, der menschlichen Erfahrung an sich. Ihrer überwältigenden und eindringlichen Intensität. Ihrer Not und allgegenwärtigen Gefahr. Der Gleichgültigkeit der Welt. Die Existenz des Bösen und der puren Aggression. Und dem völligen Mangel eines Erbes an Wissen, welches von unseren Eltern oder Lehrern bereitgestellt wird, um uns dabei zu helfen, mit all dem umzugehen.

Dieses Lebenstrauma ist eine Erfahrung, das wir alle teilen. Es liegt tief in unserem Körper. Es vernebelt unsere Psyche und blockiert unsere volle Spiritualität. Es ist unser Herz allein, das dieses Trauma lösen kann.

Eine echte Liebe zum Leben

Nur eine tief gehende Liebe und eine Liebe zu allen Phänomenen des Lebens, welche durch die Weisheit des Herzens begleitet wird, kann uns einen unmittelbaren Kontakt mit dem Gefühl und der Gewissheit geben, dass alles in Sinn getränkt ist. Dass alles einer größeren Bestimmung folgt. Nur eine solche Liebe kann uns schließlich dazu bringen, einer Inkarnation voll und ganz zustimmen zu können.

So bekommt das menschliche Herz die Gelegenheit, die größte Überwindung zu meistern, nach der es je gefragt werden würde. Die unglaublichste und unvernünftigste Handlung auszuführen, die ein begrenztes und verängstigtes menschliches Wesen je tun könnte. Nämlich auf spiritueller sowie menschlicher Ebene, die dem Leben innewohnende Reibung ohne Rückhalte in die Arme zu schließen.

In der Tradition des Mahayana-Buddhismus gibt es einen Eid, der sich „Bodhisattva-Eid“ nennt. Darin gelobt man, seinen Prozess der spirituellen Befreiung, dem Wohl aller fühlenden Wesen zu widmen und dem allgemeinen Prozess der Befreiung der Erde für immer treu zu bleiben. Doch wir sollten diesen noblen Eid sogar noch weiter auslegen: Wahre Befreiung findet sich in der Kapazität, einer Inkarnation auf Ewigkeit und ohne zeitliche Begrenzung zuzustimmen.

Diese Bereitschaft zu einer unbegrenzten Inkarnation ist eine neue Art des Bodhisattva-Eides. Ein solcher Eid macht keinen Sinn. Weder für unseren Geist, noch für unsere einfache menschliche Psyche. Nur das Herz, welches sich zwischen diesen beiden befindet, ist in der Lage, diesen Eid mit einem Gefühl der Ganzheit und unerschütterlichen Hingabe abzulegen.